Was heißt „Nachhaltige Entwicklung“?

Wendezeit Bereits 1972 warnte der Club of Rome vor den Folgen eines unbegrenzten Wachstums der materiellen Produktion und der Bevölkerung auf unserem begrenzten Planeten „Erde“. Die weltweite Industrieproduktion sowie das Wachstum der Bevölkerung (mit einer inzwischen abgeschwächten Wachstumsrate) sind seither weiter exponentiell gestiegen.

Wachstum der weltweiten Industrieproduktion Bevölkerungswachstum mit mittlerer Prognose der UN bis 2100 (The 2010 Revision)
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vgl. Meadows,D. u.a., Grenzen des Wachstums, Das 30-Jahre Update, Stuttgart 2006, S.6

Bevölkerung und Wirtschaft sind angewiesen auf Boden, Luft, Wasser, Nahrungsmittel, Rohstoffe und Energie („Quellen“). Im Gegenzug belasten sie den Boden, Luft und Wasser mit Abfällen und Schadstoffen („Senken“).

Obwohl einige Länder ihre Anstrengungen zum Umweltschutz verstärkt haben, ist der ökologische Fußabdruck der Menschheit mittlerweile so groß geworden, dass 1,5 Planeten vom „Typ Erde“ notwendig wären (Stand 2010: www.footprintnetwork.org). Der ökologische Fußabdruck wird als die Fläche bezeichnet, die erforderlich wäre, um die von der globalen Gesellschaft benötigten Ressourcen (Getreide und andere Nahrungsmittel, Holz, Fisch und Siedlungsraum) zu liefern und ihre Emissionen (z.B. Kohlendioxid) dauerhaft aufzunehmen. Er ist vom Global Footprint Network (GFN) mittlerweile für über 150 Länder berechnet worden. Würden alle Länder soviel natürliche Ressourcen für sich beanspruchen wie derzeit Deutschland (pro Kopf gerechnet), bräuchte die Menschheit ca. 2,5 Planeten in Gestalt unserer Erde (für die USA ca.5, für China ca.1). Schon heute überfordern die reichsten 20% der Erdbevölkerung mit ihrem konsumtiven Lebensstil das Regenerationspotential der Erde deutlich!

In der Forstwirtschaft wurde der Begriff der Nachhaltigkeit erstmals im 18.Jahrhundert vom kursächsischen Oberberghauptmann und Kammerrat H.C. von Carlowitz (Sylvicultura oeconomica oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht, 1713) geprägt, der aufgrund des einreißenden Holzmangels die Forderung aufstellte, nur soviel dem Wald zu entnehmen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebensoviel Vorteil daraus ziehen kann, wie sich die jetzt lebende Generation aneignet.

Durch den Bericht der UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung („Our Common Future“ 1987) wurde die Weltgemeinschaft eindringlich darauf verwiesen, dass eine dauerhaft umweltgerechte Entwicklung nur dann möglich ist, wenn die ökonomischen Aktivitäten weniger material- und energieintensiv gestaltet werden und ein gerechter Ressourcenausgleich zwischen den wohlhabenden und armen Ländern stattfindet. Sustainable development erfordert nach dem Brundtland-Bericht „die Befriedigung der Bedürfnisse der Gegenwart, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“. Dabei müssen die industrialisierten Länder eine Vorbildfunktion hinsichtlich der technischen Entwicklung, der Produktion, des Konsums und ihres gesamten Lebensstils übernehmen.

In weiten Teilen der Fachdiskussion wird der komplexe Begriff der „Nachhaltigkeit“ in den Dimensionen „Ökologie“, „Ökonomie“, „Gesellschaft/Sozialer Bereich“, „Institutionen/ Partizipation“ untergliedert. Von der Zielgewichtung und Bedeutung für unser weiteres (Über-) Leben her gesehen verdient der Schutz der Natur bzw. die Berücksichtigung ökologischer Zusammenhänge die erste, die Gesellschaft (Kultur,Soziales,Institutionen, Partizipation) die zweite, die Wirtschaft (innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens) die dritte Priorität, also

1. Sicherung des ökologischen Gleichgewichts

2. Entwicklung einer Gesellschaft, die menschliche Grundrechte garantiert und Wohlfahrt für alle in kultureller Vielfalt auf langer Sicht fördert (weniger in materieller, konsumorientierter Hinsicht)

3. Organisation der Wirtschaft als Subsystem der Natur und dienender Teil für die Gesellschaft, wiederum aufgeteilt in eine sich gegenseitig ergänzende Haus-, Erwerbs- und Gemeinwirtschaft

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In der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro wurde die Aufmerksamkeit gezielt auf die ökologischen und sozialen Probleme gerichtet, die sich aus falschen Strukturen und Zielsetzungen des Wachstums der Weltbevölkerung ergeben. Zu diesem Zwecke wurde die Agenda 21 von 179 Staaten als weltweites Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert verabschiedet. Es richtet sich an alle Länder und dort an alle Ebenen staatlichen Handelns (Global, EU, Deutschland etc.), Programme für eine nachhaltige Entwicklung zu entwerfen. Die Politik soll über das Tagesgeschäft hinaus eine Vorstellung entwickeln, wie wir diese großen Herausforderungen bewältigen sollen und wie wir die Zukunft gestalten können.

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Quelle: Bayer.StMLU, Bayern Agenda 21, München o.J. S.32

Aus der Trägheit und Lobbygetriebenheit staatlichen Handelns im nationalen, geschweige denn im internationalen Bereich, folgt aber, dass ohne eine aktive Bürgerschaft Strukturen und Verhaltensweisen, die nicht nachhaltig sind, keine rechtzeitige Änderung erfahren.

Auf die Kommunen übertragen bedeutet dies eine enge Zusammenarbeit von Mandatsträgern und Bürgern sowie die Förderung bürgerschaftlichen Engagements auch zwischen den Wahlterminen. Die Kommunale Agenda 21 verkörpert den Gedanken einer verantwortungsvollen Bürgergesellschaft und stellt ein wichtiges Instrument dar, im öffentlichen wie im privaten Bereich richtige Entscheidungen für eine nachhaltige Entwicklung zu treffen.




Problemfelder global (Ausschnitt)

Ökologie:

Versiegen der relativ leicht zugänglichen Rohstoffvorkommen in absehbarer Zeit
Bei einem jährlichen weltweiten Produktionsanstieg von 2% werden einige Metalle (z.B. Blei, Kupfer, Nickel, Silber, Zinn, Zink) und Energieträger (z.B. Erdöl, Uran) bei den im Jahr 2000 bekannten Reserven trotz aller Recyclinganstrengungen innerhalb der nächsten 50 Jahre erschöpft sein. Zwar sind die in der Erdkruste befindlichen Ressourcen wesentlich höher. Ihr Abbau erfordert aber einen überproportional ansteigenden Energieeinsatz mit immer größeren Eingriffen in Ökosysteme (z.B. Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko, Ölschiefergewinnung in Kanada, Rohstoffausbeute in der Antarktis)

Verlust von fruchtbarem Boden
Weltweit geht per saldo pro Jahr ca. 20 Mrd. Tonnen fruchtbarer Boden verloren durch zunehmende Überbauung (Verkehrs-, Gewerbe-,Siedlungsflächen) und Erosion als neu gebildet wird. Nach dem World Resources Institute sind zudem ca. 40% aller aktuell und potentiell nutzbaren Flächen in ihrer Qualität akut schwer geschädigt. Ein Viertel der gesamten Bodenfläche ist von Wüstenbildung (Desertifikation) bedroht (www.unep.org).

Bedrohliche Wasserknappheit in einigen Weltregionen
Auch die Trinkwasservorräte drohen in einigen Weltregionen knapp zu werden. Derzeit haben ca.20% der Weltbevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser (insbesondere in Ostasien, Afrika südlich der Sahara und Südasien). Mehr als die Hälfte des zugänglichen Süßwassers wird für menschliche Zwecke genutzt, 70% davon für die Landwirtschaft. Die Produktion von Futter zur Erzeugung von 1 kg Fleisch benötigt je nach Tierart das Drei- bis Zehnfache der Fläche, die für die Produktion von 1 kg Getreide nötig wäre.

Starke Luftverschmutzung in einigen Mega-Cities und Ballungszentren
Die Luftverschmutzung wurde in den Industrieländern durch verschiedene Maßnahmen abgebremst (z.B. 3-Wege-Katalysator, Rauchgasentschwefelungsanlagen, FCKW-Verbot), hält sich aber bei vielen Schadstoffen noch auf zu hohem Niveau (z.B., Ammoniak, Stickoxide, Kohlendioxid). Wegen Luftverschmutzung sterben laut Weltgesundheits-organisation (WHO) jährlich mehr als 2 Mio. Menschen. Extrem starke Luftverschmutzung findet sich weltweit in einigen Mega-Cities (z.B. Mexiko-Stadt, Peking, Shanghai). In den Städten zählen der Straßen- und Flugverkehr sowie der Lärm zu den wichtigsten Emissionsquellen.

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Legende: (1) Treibhauseffekt (2) Feinstaubbelastung (3) erhöhte UV-Strahlung (4) saurer Regen (5) Ozonbelastung (6) Belastung mit Stickoxiden

Klimaerwärmung durch menschliche Aktivitäten
Durch den menschgemachten Treibhauseffekt spitzen sich die ökologischen und sozialen Probleme noch zu. Klimawirksame Spurengase sind Kohlendioxid (61%), Methan (15%), Distickstoffoxid (4%), FCKW (11%), Ozon (8%), Fluorierte Gase (1%). Die Emissionsquellen (global nach CO2 -Äquivalenten) sind Kraftwerke (24%), Brandrodung und Abholzung der Wälder (18%), Landwirtschaft (14%), Industrie (14%), Verkehr (14%), Heizenergie (8%), sonstiger Energieumsatz (5%) und Müll (3%). Nach dem Weltklimabericht des IPCC (2007) ist in diesem Jahrhundert mit einem Anstieg der mittleren Welttemperatur von 2 – 6,4% zu rechnen.

Abnahme der Waldbestände
Die Waldbestände verringern sich weltweit per saldo um ca. 75.000 qkm pro Jahr (0,2%), um ca. 15 ha pro Minute (durch Abholzen, Verbrennen oder Waldsterben wegen anthropogener Luftverschmutzung auf der gesamten nördlichen Erdhalbkugel). Insbesondere die Wälder in den Entwicklungs- und Schwellenländern (Indonesien, China, Phillipinen) werden durch Raubbau dezimiert. Leidtragende sind nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch der Mensch, dem wertvolle kostenlose Naturleistungen (u.a. Grundwasserspeicher, Luftfilter, Sauerstoffproduktion, Erholungsgebiete, Ernährungsgrundlage, Bau- und Werkstoffe) für immer verloren gehen.

Aussterben von Tieren und Pflanzen (Abnahme der Biodiversität)
Der Living Planet Index (vgl. www.wwf.de) zeigt einen Rückgang der Arten in Wäldern, Süßgewässern und Meeren. Durch Entzug von Lebensraum, Monokulturen, Einbringung von Giftstoffen in Ökosysteme, Einschleppung fremder Arten sowie die globale Erwärmung stirbt etwa jede Stunde eine Tier- und Pflanzenart. Die biologische Vielfalt ist aber eine Grundvoraussetzung für die Stabilität der Ökosysteme und das evolutorische Potential, wovon auch der Mensch abhängt.

Soziales/Kultur/Partizipation:

Menschenrechtsverletzungen
Die in Deutschland verfassungsrechtlich garantierten Grundrechte werden in vielen Ländern nicht respektiert. Die Freiheit zur Meinungsäußerung wird unterdrückt, Bürger erhalten kein Recht zur Mitsprache und Mitgestaltung politischer Entscheidungen. Gewalt, Folter und Willkür sind an der Tagesordnung. Dadurch kommt es immer wieder zu Spannungen, Volksaufständen, Fluchtbewegungen, die auch das friedliche Miteinander der Völker gefährden.

Steigende Kluft zwischen Arm und Reich
Selbst wenn einige Schwellenländer in nachholender Entwicklung begriffen sind, steigt (beim Einkommen pro Kopf) der Abstand zwischen armen und reichen Ländern. Gleichzeitig ist eine starke Fragmentierung zwischen prosperierenden und zurückbleibenden Ländern (in weiten Teilen Afrikas, Lateinamerikas und z.T. auch Asiens) erkennbar. Starke Ungleichheiten in der Einkommens- und Vermögensverteilung (national und international) fördern nicht nur die Unzufriedenheit in der Gesellschaft, sondern lassen auch die Bereitschaft zu umweltverträglichem und sozial verantwortlichen Verhalten sinken.

Migrationen
Wanderungsbewegungen finden aus politischen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Motiven statt. Allein aus Gründen des Klimawandels sind etwa 20 Mio. Menschen weltweit auf der Flucht. Der interkulturelle Austausch kann für alle Seiten fruchtbar sein, wenn miteinander – ohne fundamentalistische Verbohrung – ein modus vivendi für eine nachhaltige Entwicklung im sozialen und ökologischen Sinne gesucht wird. Den „Auswanderungsländern“ muss aber auch die Chance zu einer eigenständigen und eigenversorgenden Entwicklung gegeben werden mit entsprechendem Kapital- und Wissenstransfer der reichen Länder, um den Einwanderungsdruck abzuschwächen.

Bevölkerungswachstum
Nach der mittleren UN-Prognose werden bis 2050 ca. 9,1 Milliarden Menschen (und 10 Mrd. bis zur Jahrhundertwende) die Erde bewohnen. Das Bevölkerungswachstum ist vor allem ein existentielles Problem für Länder der Dritten Welt, die Bevölkerungsdichte auch ein Problem mancher Industrieländer (z.B. Niederlande, Belgien, Deutschland). Ein Rückgang der Geburtenrate ist für Länder mit hohem Bevölkerungswachstum offenbar weniger mit dem Anstieg des Einkommens pro Kopf verbunden, als mit dessen Verteilung auf alle Familien und die Verbesserung der Chancengleichheit und Mitsprache vor allem für Frauen.

Wirtschaft:

Fixiertheit auf grenzenloses Wachstum statt auf Zunahme der Lebensqualität
„Mehr, Schneller, Größer“ ist weit verbreitet zu einem Leitmotiv des Wirtschaftens geworden, obwohl ab einer bestimmten Einkommensgröße das Glück und die Zufriedenheit der Gesellschaft nicht mehr wächst. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ist inzwischen ein irreführender Maßstab für das Wohlergehen der Bevölkerung geworden. Jede Vermehrung steht unter dem Verdacht, an anderer Stelle eine Verminderung nach sich ziehen: der Rohstoff- und Energievorräte, des fruchtbaren Bodens, der Pflanzendecke, der Tierwelt, der sauberen Gewässer, der reinen Luft, der Stille, der Gesundheit, der Ehrfurcht vor dem Leben, den zwischenmenschlichen Beziehungen und anderen kulturellen Werten.

Dominanz der Geldwirtschaft und Naturvergessenheit der Ökonomie
Die Finanzökonomie und der Markt durchdringen mehr und mehr sämtliche Lebensbereiche. Die gesellschaftlichen Wertungen haben sich dahingehend verschoben, dass alles, was Geld bringt, etwas wert ist und was nichts bringt, nichts wert ist. Mit der grenzenlosen Vermehrbarkeit von Geld, der Schuldenmacherei und der Erzeugung von illusionären Bedürfnissen trennt sich aber die Ökonomie von den real existierenden Möglichkeiten auf unserem Planeten, wird ökologisch und sozial blind und steuert auf unlösbare Zustände zu. Sie begreift sich als Obersystem, obwohl sie nur ein Subsystem der Natur ist.

Kurzfristige Bereicherung bzw. Gewinnmaximierung statt langfristig gültiger Zielsetzungen
In einer sich schnell wandelnden Welt ist eine Planung und Erfolgsmessung auf kurze Sicht mit verhängnisvollen Fehlentscheidungen verbunden. Viele Menschen der Industrieländer verbinden ihr ökonomisches Interesse nurmehr mit einer global agierende Geld- und Erwerbswirtschaft; die Ökonomie wird nicht als dienender Bereich für kulturelle Vielfalt und persönliche Entfaltung betrachtet. Zurückgedrängt werden die Eigenarbeit, Zeitsouveränität, Selbstversorgung, regionale Verantwortung, altruistische und solidarische Prinzipien. Die Folgekosten kurzsichtiger, egoistischer Entscheidungen werden auf die Natur und auf die Allgemeinheit (heutige und spätere Generationen) überwälzt.



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Akteure

Staat

Gemessen an der großen Herausforderung, vor der alle Nationen der Welt stehen, sind die Regierungen weitgehend untätig geblieben. Durch die jahrelange Demontage staatlicher Autorität hat sich der Wirtschaftslobbyismus mit einer starken Vertretung von Partikularinteressen in den Vordergrund gedrängt. Nur die Politik kann aber institutionelle Leitplanken und systemische Sperren für das Verhalten von Produzenten und Verbrauchern schaffen, damit die Wirtschaft insgesamt zu einem Kurswechsel der Nachhaltigkeit veranlasst wird.

Im deutschen Grundgesetz und da aus der Gemeinwohlbindung des Eigentums (Art.14) leitet sich nicht nur dessen Sozialpflichtigkeit ab, sondern auch seine Verantwortung für die natürliche Umwelt. Diese ist ausdrücklich nochmals in Art.20A festgelegt: „ Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen“.

Durch eine Reihe von Gesetzen (z.B. Abfallwirtschaftsgesetz, Immissionschutzgesetz, Naturschutzgesetz, Erneuerbare Energien Gesetz) und steuerlichen Maßnahmen (z.B. KFZ-Steuer, Kerosin-, Mineralölsteuer), versucht die Bundesrepublik Deutschland ihrer Verpflichtung nachzukommen. Auch gibt es einen „Nachhaltigkeitsrat“, eine „Enquete-Kommission für Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“ und eine Fortschreibung von „Nachhaltigkeitsindikatoren“. Da inzwischen große Teile der Wirtschaft vom Wandel zu einer umweltbewussten Entwicklung profitieren und in erheblichem Umfang Arbeitsplätze entstehen (allein im Bereich der erneuerbaren Energien wurden bis 2010 ca. 350.000 Arbeitsplätze geschaffen) ist nicht nur die Politik sondern auch die Wirtschaft gespalten zwischen altem kurzsichtigen Wachstumsdogma und einer langfristig tragfähigen Entwicklung.

Zum Teil vertreten Landkreise (z.B. Miesbach, Fürstenfeldbruck, Bad Tölz) und Kommunen (z.B. Lauf a.d.P., Furth bei Landshut, Stadt München) bereits offensive Nachhaltigkeitsstrategien mit dem Ziel der Energieautarkie und der Förderung umweltverträglicher Lebensstile. Städte wie Haßfurt und Neumarkt haben Bürgerhäuser/-büros errichtet, um den Prozess einer nachhaltigen Stadtentwicklung bürgernah und in enger Verzahnung mit Agenda 21-Gruppen voranzutreiben.

In zahlreichen Initiativen entstehen Alternativen im Kleinformat, vom Biolandbau zum Fairen Handel, von Plus-Energie-Häusern zur Windkraft- und Solarindustrie, von Stadtteilaktivitäten über interkulturelle Gärten bis hin zu globalen Forschungsnetzwerken. Diese vielfältigen Ansätze müssen „ins Großformat übertragen werden . Der Umbau kann nur mit massiver Unterstützung durch die Politik realisiert werden. Das gilt erst recht für eine gerechtere Gestaltung der Weltwirtschaft.“ (BUND, Brot für die Welt, eed, Wegmarken für einen Kurswechsel, Zusammenfassung April 2009, S.37).

Einige Kommunen haben sich Leitbilder für eine nachhaltige Entwicklung vorgegeben.

Von der „Agenda21-Gruppe Ottensoos“ wurde im Januar 2007 der Gemeinde Ottensoos ein „Leitbild für Nachhaltige Entwicklung“ als Entwurf vorgestellt:

1. Wir bekennen uns zum Grundprinzip einer nachhaltigen Entwicklung nach der Rio-Konferenz von 1992 mit dem Ziel, in unsere Entscheidungsprozesse ökologische, soziale und wirtschaftliche Zielsetzungen gleichberechtigt einfließen zu lassen und zum Ausgleich zu bringen.

2. Nach einer systematischen Bestandsaufnahme in den Bereichen Ökologie, Soziales, Wirtschaft, entwickeln wir daraus ein kommunales Nachhaltigkeitsprogramm und zeigen den Stand der Umsetzung in einem jährlichen Nachhaltigkeitsbericht auf.

3. Zur Entscheidungsfindung und Umsetzung zukunftsfähiger Projekte arbeiten wir eng mit der Lokalen Agenda21 zusammen in Einbeziehung verschiedener gesellschaft-licher Gruppen, Kirchen, Vereine, Unternehmen sowie interessierter Bürgerinnen und Bürger.

4. Unsere Maßnahmen sollen die Identifizierung der Bürger mit ihrem Ort, den Gemeinschaftssinn sowie die soziale und ökologische Verantwortung generationsübergreifend fördern. Durch Bildungs-, Kunst- und Kulturprojekte sowie richtungweisende Beispiele wollen wir für die Idee nachhaltiger Arbeits-, Konsum-, Wohn- und Lebensstile werben.

5. Die ortsansässigen Unternehmen wollen wir dazu motivieren, in ihrem operativen und strategischen Bereich Umwelt- und Sozialleistungen sowie Innovationen für ein dauerhaft tragfähiges Wirtschaften zu erbringen. Gleichzeitig bemühen wir uns um die Ansiedlung neuer Unternehmen, die unserem Leitbild der Nachhaltigkeit entsprechen.

6. Für die Bewahrung der Kulturlandschaft, für den Artenreichtum und für den Aufbau einer regionalen Kreislaufwirtschaft ist die Landwirtschaft ein Schlüsselbereich. Um gesunde Nahrungsmittel, regenerative Energie und Rohstoffe mit kurzen Transport-wegen bereitzustellen sollen die im Gemeindegebiet vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen erhalten und gentechnikfrei bewirtschaftet werden.

7. Zu einer hohen Lebensqualität tragen neben einer ausgewogenen und zukunfts-fähigen Arbeits- und Wirtschaftsstruktur auch die Stabilisierung und Wiederbelebung von Ökosystemen bei. Deshalb streben wir einen hohen Boden-, Wasser-, Klima- und Emissionsschutz an sowie einen geringen peripheren Flächenverbrauch.

Unternehmen

Die überwiegende Zahl der DAX-Unternehmen erstellt regelmäßig Nachhaltigkeitsberichte und entwirft Corporate Social Responsibility-Programme (z.B. SIEMENS AG, Deutsche Telekom). Etliche Unternehmen lassen ihr Umweltmanagementsystem von unabhängigen Stellen überprüfen (z.B. nach dem Environmental Audit and Management System- EMAS, oder der Internationalen Norm ISO 14 001ff.). Auch in der Metropolregion Nürnberg gibt es einige vorbildliche mittelständische Unternehmen (z.B. Neumarkter Lammsbräu, Die Möbelmacher, Faber Castell, Umweltbank), die das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung offensiv verfolgen. Unternehmen, die von vornherein den eigenen Erfolg mit gesellschaftlichem Wohlergehen und Umweltentlastung verbinden wollen haben sich z.B. dem Bundesweiten Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) oder dem future e.V. angeschlossen. Ihnen geht es nicht vorrangig um die Gewinnerzielung für Kapitaleigner, sondern um eine Wertschöpfung, die verschiedenen gesellschaftlichen Anspruchsgruppen gerecht wird (stakeholder value).

Grundsätzlich ist von Unternehmen eine Solar- und Kreislaufwirtschaft anzustreben, in der die Wertschöpfungskraft und Einzigartigkeit der Natur in Berücksichtigung ihrer Grenzen genutzt wird (Natur als Obersystem, Wirtschaft als Subsystem). Gleichzeitig ist der Input von Stoffen absolut zu reduzieren und die Qualität der eingesetzten Materialien umweltgerecht zu optimieren (Öko-Design, bionische Konstruktion, recyclinggerecht).

Wertschöpfungsnetzwerk

Privathaushalte

In einem marktwirtschaftlichen System ist das Konsumentenverhalten wesentlich für die sozialen und ökologischen Auswirkungen verantwortlich. Durch bewusste Kaufentscheidungen (Verkehrsmittelwahl, reduzierten Fleischkonsum, Produkte mit Öko-Label, Bio-Lebensmittel, Grünstrom, Fair-Trade-Produkte etc.), aber auch Nicht-Kaufentscheidungen (Tauschen, Teilen, Selbermachen, Wegwerf-Vermeidung etc.) kann jeder einzelne mitbestimmen, ob und inwieweit ökologische und soziale Misstände bestehen bleiben oder vermindert werden.

Auswahl von Umweltlogos:

bio Engel Energie fsc demeter


Durch Wiederverwendung, Neunutzung und Tausch von Gütern lassen sich Ressourcen sparen. Eigenarbeit mit Phantasie, Kreativität und Nachbarschaftshilfe können den Einkauf von Gütern und Dienstleistungen weitgehend überflüssig machen.

Autobesitzer reduzieren durch freiwillige Geschwindigkeitsbegrenzung und den Kauf energiesparender Fahrzeuge den Treibstoffverbrauch – oder sie verzichten gleich ganz aufs Auto zugunsten von Fahrrad, öffentlichen Verkehrsmitteln und Carsharing. Durch eine partnerschaftlich abgestimmte Arbeitsteilung im Erwerbs- und Eigenarbeitsbereich kann ein neuer Zeitwohlstand entstehen, verbunden mit einem Anstieg der Lebenszufriedenheit . Glück entsteht in den frühindustrialisierten Ländern inzwischen bei vielen Menschen durch mehr Raum für soziale Beziehungen, persönliche Projekte und durch eine Verringerung materieller Bedürfnisse als durch deren Ausweitung.

(Stand: 13.05.2017)